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Mal eben kurz den Chef retten – Buchbesprechung

Mal eben kurz den Chef retten, Katharina Münk, Buchbesprechung

Mit „Mal eben kurz den Chef retten“ kehrt Katharina Münk zurück zu einem Erfolgsrezept: Ihr bissig-ironisches Buch „Und morgen bringe ich ihn um“ war ein Riesenerfolg und brachte so manche Sekretärin in deutschen Büros zum Lachen. Münks neues, 2017 erschienenes Buch beleuchtet die moderne Chef-Sekretärin-Beziehung vor dem Hintergrund mobilen und agilen Arbeitens. Allerdings: Viel Neues erfährt man als Leser nicht.

Wie funktioniert Zusammenarbeit mit dem Chef in modernen Zeiten?

Wie kann die Sekretärin ihren Vorgesetzten wirksam unterstützen, wenn der alle seine Aufgaben mittels Apps und Online-Tools selbst erledigt – oder es zumindest versucht? Welche Folgen haben die aktuellen Entwicklungen bei virtuellen Assistenzsystemen wie etwa LEADA für die Assistentinnen in den Büros? Das sind die spannenden Fragen, die momentan die Chef-Sekretärinnen-Beziehungen in den Unternehmen auf den Kopf stellen und mit denen sich  Münk in „Mal eben kurz den Chef retten“ * (Werbelink) beschäftigt oder es ankündigt – aber ohne diese Ankündigung auch einzuhalten.

Denn tatsächlich geht es in weiten Teilen weniger um den technologischen Wandel bei der Arbeit und um Konzepte, wie damit sinnvollerweise umzugehen ist. Vielmehr stößt Münk in das Horn, das den Lesern schon aus ihren anderen Büchern bekannt ist: Der Chef an sich (übrigens fast durchgängig Männer) ist komplett kommunikationsunfähig und kaum in der Lage, im Alltag zu bestehen. Seine Aufgaben erledigt eigentlich die Sekretärin, die nebenbei noch sein Privatleben managt. Die neuen digitalen Tools befeuern diesen Trend sogar noch, so Münk, sorgen sie doch dafür, dass sich die unfähigen Chefs hinter ihnen verstecken können. Neue Lösungsansätze gibt es im Buch aber nicht, weder für die Zusammenarbeit, die sich durch die Tools ja verändert, noch für den Umgang mit den digitalen Helfern an sich. Stattdessen präsentiert Münk Beispieldialoge und Beispielsituationen, die offensichtlich nur ein Ziel haben: den Chef an sich lächerlich zu machen.

Lösungsansätze? In „Mal eben kurz den Chef retten“ nicht vorhanden

Dabei legt Münk durchaus auch den Finger in die Wunden, etwa wenn sie die ständige Erreichbarkeit anspricht, die durch Smartphone und Co. noch verstärkt wurde. Allerdings geht das Buch auch hier über eine überspitze Zustandsbeschreibung nicht hinaus. Moderne, aktuelle Lösungsansätze? Sind im Buch nicht vorhanden.

Überhaupt fragt man sich als Leser, warum irgendjemand den Beruf der Sekretärin (immerhin einer der beliebtesten Ausbildungsberufe überhaupt) ergreifen sollten und warum es so viele Sekretärinnen gibt, die ihren Job lieben. Ich bezweifle nicht, dass es mancherorts Vorgesetzte geben mag, die tatsächlich so unfähig sind, wie Münk es beschreibt. Sie aber als flächendeckendes Phänomen in deutschen Chefetagen darzustellen, trifft die Realität jedoch sicher nicht. Damit wird eine Chance vertan, mehr gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Denn obwohl Vorgesetzte durchaus mit angesprochen werden sollen, werden sie sich angesichts Zerrbilds wohl eher gelangweilt oder verärgert abwenden, statt sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Der Mann wird Chef, die Frau wird seine Sekretärin

Wirklich ärgerlich wird das Buch meiner Meinung nach dann, wenn es um die Rollenverteilung in den Büros geht. Dass die Vorgesetzten in diesem Buch nahezu durchgängig Männer sind, habe ich ja schon erwähnt. Frauen in Führungspositionen? Fehlanzeige. Das ist ja (leider) auch in der Realität noch immer in weiten Bereichen nicht anders. Allerdings wächst gerade eben eine junge Generation Männer und Frauen nach, für die das eben nicht mehr selbstverständlich. Eine Frau als Vorgesetzte ist für junge Männer in der Regel kein Problem mehr, auch Personaler sind hier – oft durch Druck von außen – offener geworden.

Doch was geschieht im Buch? Da bleibt die Frau in der Assistenzfunktion, der Mann in der Chefposition. Dazu ein Beispiel aus dem Buch: Drei Chefs, männlich selbstverständlich, tauschen sich darüber aus, ob sie eine Sekretärin haben und brauchen, denn einer von ihnen soll nun erstmals eine Sekretärin bekommen. Was die denn so für sie mache? Ob es sinnvoller sei, eine Spezialistin mit BWL-Kenntnissen zu haben oder lieber ein Mädchen für alles, das dann aber jünger und fröhlicher sein darf? „Am Ende schicken die mir noch so eine ganz Ehrgeizige mit Master-Abschluss, die mir sagt, wo es langgeht, und mich vor Aufgaben stellt, die es vorher gar nicht gab! Ein Freund von mir hat auf diese Weise eine alte Kommilitonin wiedergetroffen.“ Ja, genau: Der Mann macht nach dem Studium Karriere, die Frau mit Master-Abschluss, seine ehemalige Kommilitonin, wird dann seine Assistentin. Die entsprechenden Gehaltsunterschiede natürlich inklusive.

Es sind diese Momente, in denen das Buch in meinen Augen einfach nur ärgerlich ist, denn hier werden unkritisch Strukturen fortgeschrieben, die echte gesellschaftliche Reformen verhindern. Reformen, die notwendig sind, um Ungerechtigkeiten abzubauen und Altersarmut bei Frauen zu vermeiden.

Ein männerfeindliches und frauenfeindliches Buch zugleich

Ursache ist meiner Meinung nach, dass es sich bei „Mal eben kurz den Chef retten“ um ein männerfeindliches Buch handelt. Auf der einen Seite die unfähigen, schlicht blöden Männer in Führungsposition, auf der anderen die stets kompetenten, cleveren und geduldigen Frauen – diese Zuspitzung funktioniert halt nicht mehr, wenn sich herausstellt, dass Frauen in Führungspositionen arbeiten und da – wie jeder Mensch – mal Topleistungen bringen, mal einen Fehler machen, wenn mit Frauen und mit Männer in Assistenzfunktionen (und die gibt es ja) die Zusammenarbeit mal besser, mal schlechter funktioniert. Und durch die Festschreibung auf die überlieferten Rollen in den Büros ist das Buch zugleich auch noch frauenfeindlich – ein Kunststück, das man erst einmal hinbekommen muss. Männerfeindlichkeit ist ebenso abzulehnen wie Frauenfeindlichkeit!

Ein Buchtipp? Nein, eher nicht. Die Zeit ist besser investiert in Texte, die echte Lösungsansätze für den digitalen Wandel bieten.

Katharina Münk. Abb.: amazon/Campus*

Mal eben kurz den Chef retten. Die heimlichen Führungskräfte im Vorzimmer. * Katharina Münk. Campus Verlag 2017.

* = Affiliatelink/Anzeige. Affiliatelink bedeutet, dass ich eine kleine Provision erhalte, wenn aus dem Klick auf diesen Link ein Geschäft, beispielsweise der Kauf eines Produkts, entsteht. Am Preis des Produkts für den Käufer ändert sich dadurch nichts.

Das Buch wurde mir vom Verlag für die Rezension kostenlos zur Verfügung gestellt.

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