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Weihnachtsgeschenke für Buchliebhaber – 2018

Weihnachtsgeschenke für buchliebhaber 2018

– Werbung, da Produktnennung  –

Bücher gehen ja immer als Weihnachtsgeschenke, finde ich. Hier eine kleine Übersicht, welche Bücher mir im letzten Jahr besonders gut gefallen haben.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Janet Lewis, die Frau, die liebte

1539. In einem Dorf auf der französischen Seite der Pyrenäen wird Bertrande de Rols mit Martin Guerre verheiratet – beide noch Kinder, von ihren Familien dazu ausersehen, den erreichten Wohlstand durch die Hochzeit zu vereinen und einen langen Zwist zu beenden. Obwohl die Ehe arrangiert ist, ist sie glücklich. Ein Sohn kommt auf die Welt, Bertrande und Martin fügen sich in die strenge Gesellschaft jener Zeit ein, so scheint es. Doch dann verschwindet Martin plötzlich und kehrt erst Jahre später zurück. Nicht nur Bertrande, auch Martins Familie, die Arbeiter und Dienstboten auf dem Hof, sogar der Dorfpriester sind bei seiner Rückkehr überglücklich, lag doch Martins Verschwinden wie ein Schatten über allen. Ein weiterer Sohn wird geboren und das Glück scheint vollkommen.

Aber mit der Zeit beschleichen Bertrande Zweifel. Ist der Mann an ihrer Seite wirklich ihr Mann, Martin Guerre? Oder lebt sie mit einem Hochstapler zusammen, der dessen Platz eingenommen hat? Verliert sie den Verstand? Oder durchschaut sie als Einzige den Betrug? Janet Lewis hat mit „Die Frau, die liebte“ – schon 1941 geschrieben, aber erst 2018 auf Deutsch erschienen – ein kleines Wunder geschaffen. Auf gerade einmal 130 Seiten breitet sie nicht nur ein sehr ungewöhnliches, berührendes Leben vor den Lesern aus, sondern stellt dabei noch existenzielle Fragen: Was ist Wahrheit? Was geschieht, wenn deine Wahrheit eine andere ist als meine? Wie kann man leben, wenn man weiß, dass die ganze Existenz auf einer Lüge aufbaut? Oder beruht doch alles eher auf einem Wahn? Wem kann man trauen, wenn man sich selbst nicht mehr traut?

Und als wäre das noch nicht genug für diesen schmalen Band, schildert Lewis noch ganz nebenbei sehr eindringlich das Leben in einer Gesellschaft, die uns heute unendlich fremd und fern erscheint. Beschreibt in einer ebenso knappen wie gefühlvollen Sprache die raue Natur rund um die Bergdörfer und flicht historische Fakten, Geschichten von Königen, Kriegen und Eroberungen ein. Entstanden ist so ein zwar kurzer, aber um so intensiverer Roman über das Schicksal einer Frau in einer fernen Zeit. Für mich eines der besten Bücher des Jahres 2018.

Eine Million Minuten von Wolf Küper

„Ich wünschte, wir hätten eine Million Minuten!“ Das sagt seine kleine Tochter eines Tages zu Wolf Küper, als er sie mal wieder mit dem Hinweis „Dafür haben wir keine Zeit“ vertröstet. Dieser Satz löst in Küper und seiner Frau ein Gedankenexperiment aus. Was wäre, wenn sie sich tatsächlich eine Million Minuten nähmen für ihre Familie und für ihre beiden Kinder? Wenig später beginnt eine abenteuerliche Reise. Eine Million Minuten, das sind 694 Tage, fast zwei Jahre. Ein Meer an Zeit für die junge Familie. Für Küper selbst, der als Experte für Umweltfragen im Auftrag der Vereinten Nationen durch die Welt reist, und für seine voll berufstätige Frau Vera. Vor allem aber für die schwerbehinderte Tochter Nina, die so vollständig in ihrer eigenen Welt lebt, dass sie den Rest der Familie einfach mitzieht.

Wolf und Vera beginnen zu rechnen. Wie viel Geld brauchen sie, um sich eine Auszeit von einer Million Minuten leisten zu können? Wie viel Minuten kostet das neue Auto? Wie lange können sie fortbleiben, wenn sie auf den neuen Carport verzichten? Konsequent beginnen die beiden, sich von Dingen zu verabschieden, Gegenstände zu verkaufen, auf Überflüssiges zu verzichten – und machen sich letztlich auf den Weg: nach Thailand, nach Australien und nach Neuseeland. Es wird eine Reise zum Wesen jeder einzelnen Person und zur Familie im Ganzen.

Im Mittelpunkt des Buchs „Eine Million Minuten. Wie ich meiner Tochter einen Wunsch erfüllte und wir das Glück fanden“ steht das Verhältnis Küpers zu Nina. Unversehens wandelt sich sein Blick auf die Tochter, die „wie ein Außerirdischer“ durchs Leben geht. Gemeinsam mit dem Vater entdeckt der Leser die Welt aus dem Ninas Blickwinkel neu, muss sich Zeit nehmen, um den manchmal gewundenen Gedankengängen des Mädchens zu folgen. Es dauert, sich mit den Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten des Lebens zu beschäftigen, die nur unwichtig erscheinen, aber immer bedeutender werden, je genauer man hinschaut. Es dauert, all die schönen Dinge zu sehen, zu hören und zu tun, die man sehen, hören, tun will, aber immer aufschiebt. Ein schönes Leben zu leben, das geht nicht mal so nebenbei, dafür muss man sich Zeit nehmen – auch als Leser. Das ist die Botschaft, die in den Beschreibungen auch der scheinbaren Belanglosigkeiten der langen Reise dieser Familie steckt.

Hinzu kommt, dass das Buch nicht nur inhaltlich lustig und erhellend, sondern auch sprachlich brillant ist. Humorvoll, liebevoll und ironisch schildert Küper seinen eigenen Weg zu zeitlichem Reichtum. Am Ende des Buchs kehrt die Familie wieder nach Deutschland zurück, aber nicht in ihr altes Leben. Dafür haben sich alle Beteiligten zu sehr verändert.

Acht Berge von Paolo Cognetti

Acht Berge von Paolo CognettiJeden Sommer verbringt Pietro, der Junge aus Mailand, seine Ferien mit seinen Eltern im kleinen, abgeschiedenen Dorf Grana, steigt mit seinem Vater auf die Gipfel der umliegenden Berge und streift mit Bruno, einem Jungen aus dem Dorf, durch die Wälder und entlang der wilden Bäche. Eine Zeit, die beide prägt, den Jungen aus der Stadt und den vom Land. Dennoch schläft ihre Freundschaft ein. Erst als viele Jahre später Pietros Vater verstirbt und seinem Sohn ein letztes Geschenk macht, sehen sich die Freunde wieder …

„Acht Berge“ ist ein Roman über eine Freundschaft zwischen zwei stark unterschiedlichen Menschen: auf der einen Seite das behütete Stadtkind aus gutem Haus, auf der anderen Seite der Kuh- und Ziegenhirte, den seine Eltern lieber auf die Weide als auf die Schule schicken. Doch so unterschiedlich die beiden Männer, zu denen die Jungen heranwachsen, sind, eines eint sie: die Liebe zu den Bergen. Wer ist glücklicher – der, der geht, oder der, der bleibt? Derjenige, der die Welt bereist und überall zu Hause ist, oder derjenige, dem sein Zuhause die Welt bedeutet, der nirgendwo anders hinwill?

Cognettis Roman besticht nicht nur durch die ungewöhnliche Geschichte, sondern auch durch die zauberhafte Gegend, in der er überwiegend spielt. Der Autor beschreibt die Faszination der Berge in einer Intensität, die in mir sofort eine kribbelnde Sehnsucht weckt nach den dunklen Tälern und sonnenüberfluteten Gipfeln meiner Kindheit, nach den grünen Hängen und den reißenden Bächen, die in jedem Sommer im Urlaub meine Spielplätze waren. Jeder, der sich einmal in die Berge verliebt hat, wird sich in den Beschreibungen wiederfinden und den Wunsch verspüren, sich auf den Weg ins Gebirge zu machen. Denn das ist es wohl, was die Berge – wie auch das Meer – auf ewig in den Menschen verankern: den Wunsch, immer wieder zu ihnen zurückzukehren. Cognetti fasst diesen Wunsch in eine schnörkellose und ungemein präzisen Sprache, poetisch und nie rührselig beschreibt er die Natur und das Glück, sich in ihr zu bewegen. Ein Buch für alle, die die Berge lieben!

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